10 Fragen 2 Transformer: Simon Seiter & Axel Daffner
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Heute im Interview: Simon Seiter, Head of Digital Assets bei Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG, und Axel Daffner, Managing Director Pegasos Capital und Fondsmanager des Art Transformer Equities, des größten deutschen aktiven Aktienfonds mit globalem Themenschwerpunkt Blockchain.
Beide habt ihr bei einer Unternehmens-beratung nach eurem BWL-Studium angefangen und beschäftigt euch jetzt mit Blockchain. Wie seid ihr denn da abgebogen?
Seiter: Fairerweise habe ich neben BWL auch Wirtschaftsinformatik studiert und musste deswegen gar nicht so groß abbiegen. Mein erster Schwenker in den Blockchain-Bereich war 2011, dann hat es mich lange losgelassen und erst 2015 habe ich mich wieder damit beschäftigt. Ab 2016 habe ich für die Commerzbank Blockchain-Anwendungsfälle analysiert, diese dann auch umgesetzt, bevor ich 2019 als Head of Digital Assets zur Deutschen Börse gewechselt bin und nun seit einem halben Jahr das Thema bei Hauck Aufhäuser Lampe als eigenen Geschäftsbereich aufbauen darf.
Daffner: Im Studium habe ich mir noch die täglichen Aushänge für Aktienkurse der Unternehmen im DAX30 an der lokalen Bankfiliale angesehen, um mir dann auf Millimeterpapier einen Chart zu zeichnen. Mit dem Internet wurde dieser tägliche Spaziergang obsolet. Es interessierte mich schon immer mich mit modernen Technologien auseinanderzusetzen und live mitzuerleben, wie diese sich entwickeln und das Potential haben, unser tägliches Leben zu transformieren.
Wo war der Punkt in eurer Karriere, an dem ihr entschieden habt euch intensiv mit Blockchain zu beschäftigen? Davor hattet ihr bestimmt auch schon genug zu tun?
Seiter: Das war bei mir glücklicherweise schon vor dem vollständigen Berufseinstieg. Mich hat das Thema von Anfang an gepackt und irgendwie habe ich den Spleen, das aus etablierten Finanzdienstleistern heraus machen zu wollen. Ich habe quasi fast meine gesamte Karriere schon mit dem Blockchain-Bereich zu tun gehabt und kann jetzt auf über fünf Jahre hauptberufliche Blockchain-Tätigkeit zurückblicken.
Daffner: Auf einer Abendveranstaltung saß ein Programmierer von blockchain.com neben mir und innerhalb kürzester Zeit während der Vorspeise hat er mir mein erstes Crypto-Wallet eröffnet und mir Bitcoin live geschickt. Als er mir dann erklärt hat, dass mir die Coins in dem Wallet gehören und keiner sie mir wieder wegnehmen kann, bzw. ich die einzige Person bin, die über die Verwendung dieser Kryptos entscheiden kann, war ich begeistert. Eine globale Technologie, hinter der kein Unternehmen oder keine Regierung steht, die ohne eine zentrale Instanz fehlerfrei funktioniert - es kam mir vor wie wahrgewordene Science Fiction. Ab dem Zeitpunkt war es mir wert, mich auch in meiner Freizeit mit der Blockhain-Technologie zu beschäftigen.
Wollt ihr euch weiter so intensiv mit Blockchain beschäftigen oder ist der Blockchain Drops schon gelutscht? Man redet ja wie vor 10 Jahren immer noch über ein dezentrales und modernes Finanzsystem, das auf sich warten lässt und Kryptowährungen zu kaufen ist auch nicht mehr besonders spannend.
Seiter: Der Blockchain Drops ist noch lange nicht gelutscht – im Gegenteil! Das wird uns noch viel länger beschäftigen, als die meisten denken. Man braucht bei dem Thema viel Geduld – die großen Versprechungen brauchen nicht Jahre, sondern Jahrzehnte. Aktuell denken einige, sie erreichen das in Monaten.
Wenn ich sehe, was in meinem beruflichen Alltag und im Blockchain-Bereich alles geschieht, dann ist das alles andere als „nicht mehr besonders spannend“. Es gibt dauernd neue Produkte, neue Protokolle, neue Player, neue Gesetze. Blockchain beruflich zu machen, ist permanenter Wandel – da kann man sich nicht zurücklehnen und sagen: Jetzt arbeite ich einfach meine Standard-Aufgaben ab. Das erlebe ich seit fünf Jahren und das begeistert mich immer noch. Warum? Weil wir die once-in-a-liftetime-opportunity haben, einen komplett neuen Markt aufzubauen. Und wer darauf Lust hat, sollte zu uns kommen und dann bauen wir das zusammen auf.
Daffner: Die Blockchain Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Die Zeit der Anwendungen hat erst begonnen, seit dem Bitcoin Whitepaper im Jahr 2008 mussten sich die Blockchains erst verbreiten und hoch skalieren. Richtig wahrgenommene Anwendungen im Finanzbereich gibt es erst seit 2 Jahren.
1969 wurde das Internet „erfunden“ als zwei Computer verbunden wurden, 2005 hatte facebook ca. 1 Mio. Nutzer und erst damit einen Mehrwert für die User. 2016 wurde die Präsidentschaftswahl in den USA durch facebook beeinflusst.
Demnach wird die Blockchain-Technologie uns noch sehr lange begleiten.
Seht ihr euch wirklich als ein Transformer, der mit Blockchain etwas verändern kann? Es gibt ja weit größere Fische im Finanzbereich mit tieferen Taschen.
Seiter: In der Natur gibt es keinen Survival of the Biggest, sondern einen Survival of the Fittest! Und wir haben als Institut hervorragende Voraussetzungen für ein reguliertes Angebot vor anderen Marktteilnehmern absolute Blockchain-Fitness zu erreichen. Wir machen hier mit unserem am Markt einzigartigem, vollständigem Angebot für reguliertes Digital-Asset-Geschäft die komplette Bank fit für Krypto! In den ersten Gesprächen mit unserem CEO habe ich ihn gefragt: „Was erwarten Sie von mir?“ Er hat mir gesagt: „Ich glaube, dass die Blockchain-Technologie die erste echte Innovation im Finanzbereich seit Langem ist und ich möchte, dass Sie die Bank dafür fit machen.“ Das ist meine Aufgabe: Ich möchte die fitteste Bank für Digital Assets in Deutschland schaffen und deswegen bin ich zu Hauck Aufhäuser Lampe gekommen. Und mit unserer in Europa einzigartigen Kombination aus vollregulierter Krypto-KVG, Kryptoverwahrer und Kryptowertpapier-registerführer in Verbindung mit dem klassischem Bankgeschäft wie Zahlungs-verkehr, Depotgeschäft, Broker und KAGB-Verwahrstelle sind wir hier sehr gut aufgestellt.
Daffner: Die größte Herausforderung von Blockchain ist nicht die technische Komponente, sondern die Akzeptanz und Adaption in den Unternehmen. Die Blockchain erfordert ein Umdenken von Arbeitsweisen und Strukturen. In der Finanzbranche bspw. treffen konservative Denke, Vorsicht und Regulierung auf Innovationsgeist, Neugier und antiautoritäres Denken aus der Tech Welt. Diese kulturelle Herausforderung ist nicht linear, sondern wächst überproportional mit der Unternehmensgröße. Als kleiner unabhängiger Vermögensverwalter konnten wir ohne eine große kulturelle Revolution im Unternehmen einen Aktienfonds mit Themenschwerpunkt Blockchain auflegen und den Anlegern die Möglichkeit bieten frühzeitig von der Blockchain zu profitieren.
Wie würdet ihr eine Klasse von Grundschülern von der Blockchain Technologie begeistern?
Daffner: Ich würde den Kindern eine Geschichte in zwei verschiedenen Versionen erzählen und fragen welche ihnen besser gefällt: In der Version eins der Geschichte malt jedes Kind zu Hause ein Bild und gibt es am nächsten Tag in einem verschlossenen Umschlag beim Lehrer ab. Anschließend hängt der Lehrer alle Bilder an einer Wäscheleine auf und behauptet er habe alle Bilder selbst gemalt und weil sie so schön sind wird er sie jetzt für viel Geld verkaufen. Weil die Kinder ihm aber nicht beweisen können, dass die Bilder von ihnen gemalt wurden, will er den Kindern vom Erlös nichts abgeben. In der zweiten Version malen die Kinder ihre Bilder gemeinsam im Klassenzimmer, präsentieren sie der ganzen Klasse und hängen sie an einer Wäscheleine auf und überlegen mit dem Lehrer zusammen, wie sie die Bilderkette, weil sie so schön ist, gemeinsam verkaufen und wie sie sich den Erlös teilen können.
Seiter: Grundschüler sind für Finanzprodukte eine ambitionierte Zielgruppe, aber ich versuche mich mal an der vierten Klasse: „Wenn ihr euch etwas kaufen wollt, ist das mit dem Bargeld, mit Konten und Aktien okay, aber ganz schön oldschool. Das ist dann wie altes Fernsehen, also das, bei dem eure Eltern um 20:00 Uhr die Tagesschau anmachen. Blockchain überspringt das einfach und geht auch weiter als Netflix. Blockchain ist wie Twitch – nur eben für Geld!
Welche großen Blockchain Anwendungen kommen denn dieses Jahr noch, die in der Finanzindustrie wirklich die große Transformation bedeuten können?
Daffner: Wir haben dieses Jahr schon die ersten Emissionen von blockchainbasierten Assets gesehen. Je nach länderspezifischer Regulierung wurden Inhaberschuld-verschreibungen und/oder auch Aktien tokenisiert. Wirklich spannend wird es, wenn die komplette Wertschöpfungskette unseres Finanzsystems transformiert ist und die Anleger – egal ob groß oder klein und über Ländergrenzen hinweg diese digitalen Assets vermehrt nachfragen.
Seiter: Wir haben schon eine Menge Blockchain-Projekte am Markt, die sich nur jetzt noch nicht als tranformatorisch offenbart haben. In Deutschland wird das Kryptowertpapier und der Kryptofondsanteil auf Dauer sicher das Geschäft transformieren – hier sind wir als einer der ersten am Markt bereits aktiv unterwegs. Nach den letzten Crashs von algorithmischen Stablecoins werden wir auch neue Modelle von Stablecoins sehen, die völlig neue Abwicklungsmechanismen ermöglichen. Viele sehen aktuell eine Kryptokrise, dabei wurden alle wichtigen Innovationen im Blockchain-Bereich genau in diesen Phasen erfunden: Ethereum, DeFi, NFT’s und nicht zuletzt die Blockchain selbst als Folge der Finanzkrise. Ich bin mir sicher, dass auch dieses Jahr noch eine echte Blockchain-Innovation geboren wird, aber ich weiß nur noch genau nicht welche.
Warum müssen Assets denn digital werden? Unser Finanzsystem ist doch schon vollständig digital?
Seiter: Nein, hier muss man differenzieren: Unser gesamtes Finanzsystem ist nicht digital, Wertpapiere sind dafür ein gutes Beispiel: In Deutschland war es vor dem Gesetz für elektronische Wertpapiere nicht möglich, diese ohne Papier zu begeben. Kein Kunde sieht jemals dieses Papier, aber es ist da und das Wertpapier selbst ist nicht digital. Wir haben digitale Prozesse um nicht digitale Produkte herum gebaut und diese immer effizienter gemacht. Aber die nächste Stufe erreichen wir nur, wenn wir das Produkt digitalisieren. Wir können im bestehenden System kleine Optimierungen vornehmen, aber eine grundlegende Transformation erfolgt nur durch die Digitalisierung des Produktes selbst. Dafür brauchen wir die Blockchain-Technologie. Über diese Technologie werden erstmalig nicht nur Informationen, sondern Werte digital abgebildet. Deswegen bringt uns die Blockchain-Technologie auf die nächste Stufe der Industrie mit digitalen Finanzprodukten. Und bei digitalen Produkten sind die nachgelagerten Prozesse auch ganz automatisch schon digital.
Daffner: Die Blockchain-Technologie wirkt wie ein Katalysator bei der Digitalisierung. Auch wenn alle Beteiligten in der Finanzindustrie es nicht immer wahr haben wollen oder auch vielleicht nicht merken, aber kritisch betrachtet sind die Prozesse ineffizient und sogar „papierlastig“. Nur weil man sich an was gewöhnt hat, heißt es noch lange nicht, dass es die beste Lösung ist. Beispielsweise geht es in der Fondsindustrie um effizientere und kürzere Cut-off-Zeiten für den Handel von Anteilscheinklassen. Wünschenswert wäre Money in money out in Echtzeit.
Das meiste Geld in Deutschland liegt bei der Generation Ü50, die nicht unbedingt zu den Digital Natives gehört. Wie passen noch digitalere Finanzprodukte zu dieser Demographie?
Daffner: Die Endkunden werden Blockchain-Nutzer, ohne es zu merken. Durch Blockchain-Anwendungen entstehen Unternehmen unglaubliche Effizienz- und deshalb vor allem Kostenvorteile, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Unternehmen bescheren werden. Kostensenkungen werden die Folge davon sein und das wird auch die Generation Ü50 begeistern.
Seiter: Ich sehe Alter und Digitalisierung überhaupt nicht als sich widersprechende Themen. Klar gibt es höhere Affinitäten, aber wir haben zudem auch einen Generationswechsel vor uns, wo Vermögen an die jüngere Generation übergeben werden und die Vermögensverwaltung sich dabei komplett neu aufstellt. Ich bin mir sicher, dass dabei Krypto im Portfolio immer öfter als Hedge enthalten sein wird und dafür möchten wir passende Produkte anbieten.
Ist Blockchain denn noch sicher, wenn parallel Quantencomputer entwickelt werden, die zugrundeliegende Kryptographie aushebeln können? Seid ihr sicher, nicht auf das falsche Pferd zu setzen
Seiter: Das ist gar kein Problem, wenn man mit der Blockchain richtig umgehen kann. Das Thema haben wir vor vier Jahren schon diskutiert, als wir damals im Main Incubator als eine der ersten in Deutschland eine Monte Carlo Simulation über einen IBM Quantencomputer haben laufen lassen. Quantencomputer können theoretisch asymmetrische Verschlüsselungsverfahren knacken, die heute größtenteils als Basis für Blockchain-Technologie genutzt werden, das ist soweit korrekt. Allerdings gibt es auch sogenannte quantum-safe oder quantum-ready Verschlüsselungsverfahren. Darauf können sich Protokolle ausrichten. Das wird dann einfach ein Umstellungsprozess. Man sollte nur aufpassen, was für Daten man auf heutige public chains zieht, weil diese Daten jedem zugänglich sind und in 10 bis 20 Jahren auch noch geknackt werden können. Und dann verletzt man gegebenenfalls Persönlichkeitsrechte. Deswegen packen wir im Gegensatz zu anderen keine personenbezogenen Daten auf public chains.
Daffner: Bis der erste Quantencomputer wirklich marktreif funktioniert, werden Jahre vergehen. Dies wird einer der größten IT Revolutionen, da von Bits in Qubits umgedacht wird. Bis dahin werden sich blockchains ebenfalls deutlich weiterentwickelt haben. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass hinter jeder Blockchain ein Netzwerke von Menschen steht, die laufend an den Netzwerken arbeiten und diese kontinuierlich verbessern.
Gibt es eine Person oder Firma die ihr wirklich für die Leistungen im Blockchain Bereich respektiert und deren Bücher oder Interviews empfehlen könnt?
Daffner: Die Deutsche Blockchain Industrie entwickelt sich rasant mit vielen unfassbar interessanten Menschen. Der Podcast Block52 von Katharina Gehra, Dr. Philipp Sandner und Philipp Schulden zeigt einen super Querschnitt durch die deutsche Blockchain Industrie auf.
Seiter: Es gibt wahnsinnig viele inspirierende Personen, die für das Thema brennen und seit Jahren engagiert sind. Da fällt es etwas schwer, Einzelpersonen oder Firmen herauszugreifen. Phillip Sandner ist in Deutschland sicher jemand, der wahnsinnig viel dafür getan hat, dass sich das Thema etabliert hat und der mit seinen verschiedenen Initiativen auch einen großen Beitrag zur Weiter- und Ausbildung in dem Bereich geleistet hat.