MEINUNG A.D.
IEnde der 1990er-, Anfang der 2000er-Jahre waren verbriefte Derivate in Deutschland der letzte Schrei. Verständlich, denn die neuen Instrumente konnten dem Endanleger zwei Dinge bieten, die traditionelle Assets nicht konnten:
1. Sie konnten das Chance-Risiko-Profil eines Investments ändern.
Jemand wollte in den Dax investieren, aber mit mehr Bums? à Call-Optionsschein!
Lust auf DAX, aber nachts noch gut schlafen wollen? à Zertifikat mit Teilschutz oder sogar ein Garantiezertifikat!
2. Sie konnten Zugang geben zu Assetklassen, die Privatanlegern bis dahin verschlossen waren.
Warren Buffets Berkshire-Hathaway-Aktie ist mit 100.000 Dollar pro Stück zu teuer? à Als Zertifikat ist sie auch in Bruchteilen erhältlich!
Glaube an den großen Crash? à Put-Optionsschein auf den DAX oder ein Zertifikat auf Öl oder einen anderen Rohstoff, der vom Crash profitieren könnte!
Mit diesen Instrumenten hatte Lieschen Müller auf einmal den kompletten Investment-Baukasten eines Hedgefonds-Managers zur Verfügung. Es dauerte eine Weile, bis die Selbstentscheider den Umgang mit diesen Instrumenten gelernt hatten. 2009 wurde eine Studie zu den 2008er Retail-Umsätzen in DAX-Warrants gemacht. Ergebnis: 2008 war das erste Jahr überhaupt, in dem durch Privatanleger ein höheres Volumen in Puts als in Calls gehandelt wurde. Die selbstentscheidenden Anleger hatten im Gros richtig gehandelt und in der Breite auf fallende Kurse beim DAX gesetzt. Hat nur leider keinen mehr interessiert, weil Lehman gerade pleitegegangen war und das Ausfallrisiko einer Schuldverschreibung (was ein Zertifikat juristisch ist) auf einmal lebhaft in Erscheinung trat. Außerdem wurden zeitgleich sehr, sehr viele komplizierte Zertifikate von Banken aktiv an weniger versierte Anleger verkauft – vor allem wegen der teils üppigen Gebühren, die die Emissionshäuser für die Berater da reingerechnet haben.
Warum dieser lange Schwenk in die Vergangenheit? Wir müssen aufpassen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Die Digitalisierung von Assets bietet sehr viele Chancen. Chancen auf mehr Transparenz, mehr Teilnahme der Anleger, mehr Effizienz. Aber sie wartet auch mit ein paar Fallstricken auf. Grundsätzlich ist es beispielsweise begrüßenswert, wenn ein Emittent direkt mit seinen Investoren kommunizieren kann. Diese Freiheit erlaubt dem Emittenten aber auch, genau diesen Kanal zu nutzen, um Halb- oder gar Unwahrheiten zu verbreiten. Die Regierung muss hier den äußerst schwierigen Spagat schaffen zwischen einem freiheitlichen Rechtsrahmen, der Innovationen nicht totreguliert, auf der einen und Schutz der (Klein-)Anleger auf der anderen Seite. Ich kann an die Beteiligten nur appellieren, die Regulation mit Augenmaß anzugehen und diese historische Chance nicht von vornherein kaputt zu machen.
Axel Daffner
„A.D.“ steht für zwei Dinge: Zum einen für Axel Daffner als Autor, zum anderen für „außer Dienst“, denn es ist meine private Meinung, die nicht notwendigerweise kongruent sein muss, mit der Meinung, die ich als einer der Geschäftsführer von Pegasos Capital vertrete. Dieser Artikel stellt Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar.