MEINUNG A.D. - Peitscheneffekt bei Halbleitern treibt Inflation voran


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Peitscheneffekt bei Halbleitern treibt Inflation voran

 

Der Anstieg der Inflation ist ein Thema, das niemanden kaltlässt. Im November ist die Inflationsrate in Deutschland auf den höchsten Wert seit fast 30 Jahren gestiegen – um 5,2 Prozent legten die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat zu. In den USA galoppiert die Inflation sogar schon mit Raten von mehr als sechs Prozent voran. Das sorgt für Gruselstimmung unter den Verbrauchern. Aber nicht nur die privaten Konsumenten, auch der Unternehmenssektor sowie die Finanzmärkte blicken mit Sorge auf die Teuerungswelle. Die Frage, die in den Wirtschaftsmedien derzeit grassiert und an der sich die Geister scheiden, lautet: Haben wir es mit einem dauerhaften Comeback der Inflation zu tun, und wenn ja, wie hoch geht es noch hinaus? Oder handelt es sich bei dem gegenwärtigen Preisdruck um ein vorübergehendes Phänomen, also um eine transitorische Inflation? Schon so viel vorweg: Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Inflation von transitorischer Natur sein wird.

Um die Frage nach der weiteren Entwicklung der Inflation zu beantworten, ist es notwendig, nach deren Ursachen zu suchen. Der Anstieg der Energiepreise ist sicherlich ein Faktor, Basiseffekte ein anderer. Doch dass sich die Inflation mit solcher Wucht zurückmelden konnte, liegt noch an einem anderen wichtigen Punkt: den Engpässen bei Halbleitern sowie dem erbitterten Kampf der Weltmächte USA und China um die Vorherrschaft in diesem Markt. Halbleiter bilden die Grundlage aller digitalen Technologien und sind ein grundlegender Bestandteil unserer Wirtschaft: Alles, was digitale Informationen verarbeitet, speichert oder überträgt, benötigt dazu ein physisches Halbleiterprodukt. Infolge der zunehmenden Digitalisierung hat die Chip-Intensität der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren exponentiell zugenommen.

Nachfrage > Angebot = Preise steigen

Im Zuge des Wirtschaftseinbruchs nach Beginn der Corona-Pandemie haben zahlreiche Hersteller von Mikrochips ihre Kapazitäten heruntergefahren oder ihre Produktion umgestellt, etwa von Prozessoren für Automobile und Maschinen auf Chips für Computer. Hier konnten sie dank des Anstiegs der Nachfrage nach Home-Office-Geräten mit einer noch einigermaßen soliden Nachfrage rechnen. So weit, so gut. Doch als die Weltwirtschaft und damit der Bedarf nach Halbleitern wieder anzog, traf die Nachfrage auf ein knappes Angebot. Und wie es in einer freien Wirtschaft nun mal der Fall ist, legen in solchen Konstellationen die Preise zu, in diesem Fall die Chippreise. Und damit auch die Kosten für all jene Produkte, in denen sie zum Einsatz kommen.

Noch relevanter ist aber die Störung beziehungsweise Überforderung der Lieferketten infolge der Angebotsknappheit bei den Semiconductors. Die meisten Unternehmen bauen aus Kostengründen bekanntlich selbst keine großen Lagerbestände auf, sondern setzen bei ihren Zulieferern auf eine möglichst produktionsnahe Just-in-Time-Zustellung. Können diese nicht liefern, weil die Kapazitäten fehlen, gerät die ganze Produktionskette aus der Spur. Der sogenannte Peitscheneffekt, auch als Bullwip-Effekt bezeichnet, verstärkt diese Verwerfungen. Demnach beeinflusst jeder Akteur die gesamte Lieferkette mit seinen Prognosefehlern, indem er zu viel oder zu wenig bestellt. Eine Änderung an einem Glied der Supply Chain kann auf diese Weise übergreifende Auswirkungen auf den Rest der Lieferkette haben. Je komplexer und tiefer diese ist, umso größer der Chaosfaktor. Ein Beispiel für den Bullwip-Effekt lieferte zuletzt Intel. Der Halbleiter-Riese konnte im abgelaufenen Quartal weniger Chips für Notebooks verkaufen weil den Herstellern andere Bauteile fehlten, um die Geräte fertigzustellen.

Dreht die Lage am Chipmarkt?

Zurück zu der Frage nach der Inflationsentwicklung. Zwar könnte die Angebotsknappheit bei Mikrochips noch eine Weile anhalten. Aber die Hersteller haben mittlerweile kräftig Geld in die Hand genommen, um in den Ausbau von Produktionskapazitäten zu investieren. Allein Intel baut derzeit für rund 20 Milliarden Dollar zwei neue Chipfabriken in Arizona und für 3,5 Milliarden Dollar ein Werk in New Mexico. Angesichts der massiven globalen Investitionen in die Erhöhung der Kapazitäten scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Lieferengpässe verschwinden und die Angebotsknappheit möglicherweise sogar von einem Angebotsüberhang abgelöst wird. Damit würde ein wesentlicher Preistreiber von der Bildfläche verschwinden. Weil auch die Rohstoff- und Energiepreise ihren Peak erreicht zu haben scheinen und die Basiseffekte zunehmend verpuffen, gehe ich davon aus, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht hat und wir im Laufe des kommenden Jahres einen Rückgang der Teuerungsraten sehen werden. Was allerdings nicht heißt, dass die Inflation wieder auf oder unter das Vor-Corona-Niveau zurückfallen wird. Ein Grund dafür ist die Energiewende, die kostspieliger werden dürfte, als wir uns es derzeit vorstellen. Ein anderer Faktor ist der seit Corona zu beobachtende Trend zur Re-Globalisierung.

Clinch zwischen USA und China als Risikofaktor

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt: Wie gesehen ist die Halbleiterindustrie sehr anfällig für Störungen der Lieferketten. Der Herstellungsprozess eines einzigen Halbleiterprodukts umfasst nach einem Bericht der Schweizer „Handelszeitung“ rund 700 Einzelschritte, wobei mehr als 70-mal internationale Grenzen überquert werden müssen, bevor ein Endkonsument erreicht wird. Ein in den USA ansässiges Halbleiterunternehmen, so die Handelszeitung weiter, kann weltweit bis zu 16.000 Zulieferer haben. Vor diesem Hintergrund bleibt zu hoffen, dass die USA und China das zerbrechliche Gefüge im Chipmarkt nicht durch den bereits losgetretenen Kampf um die Vorherrschaft in diesem Schlüsselmarkt ins Wanken bringen und von weiteren Sanktionen gegeneinander absehen. Beide Nationen brauchen sich eigentlich gegenseitig. Für China ist der US-Markt die wichtigste Absatzregion für seine Billigkomponenten. Für die US-Unternehmen mit ihren höherwertigen Chips ist der chinesische Markt wiederum von höchster Bedeutung. Warum also diese Win-Win-Situation durch Machtspiele aufs Spiel setzen?

 

 

Ihr Axel Daffner


Axel Daffner


„A.D.“ steht für zwei Dinge: Zum einen für Axel Daffner als Autor, zum anderen für „außer Dienst“, denn es ist meine private Meinung, die nicht notwendigerweise kongruent sein muss, mit der Meinung, die ich als einer der Geschäftsführer von Pegasos Capital vertrete. Dieser Artikel stellt Meinungsäußerung und keine Anlageberatung dar.


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